Bei einer zufälligen Begegnung auf Madison Avenue kommen wir auf Francesca Woodman zu sprechen. Moyra Davey hatte uns auf die Arbeit von Woodman aufmerksam gemacht, die mich an die von Herve Guibert erinnerte. Seine Bilder scheinen, ähnlich wie die von Woodman, in ihrer Konserviertheit gültig geblieben zu sein. Sie erinnern an die Zeit, als man dem strangen Selbst Altäre schuf. Rufer des sich Aussetzens. Kein als-ob und kein über-Bande-spielen. Nicht dass es in diesen Arbeiten nicht auch ums Spielen gegangen wäre, darum geht es ja immer. Nur der Einsatz war in deren Fall unmissverständlich ein anderer. Bei Film hatte man es eben noch mit wirklichen Geistern zu tun. Im Digitalen sind es Replikanten. Es ist jedenfalls so oder so davon auszugehen, dass man unter sich bleibt.

Ich musste zustimmend schmunzeln, als ich Bill Horrigans Kommentar las, wonach es von Herve Guibert zu viele Selbstportraits gäbe. Ich wollte von ihm wissen, wann seiner Meinung nach Selbstportraits berechtigt seien. Seine Antwort verschaffte mir einen süßen Stich, denn ich konnte mich plötzlich wieder an die Notwendigkeit erinnern, als er beschrieb, dass Selbstportraits in gewissen Lebensphasen eine Möglichkeit sind, sich die Relevanz zu verschaffen, die einem sonst versagt bleibt. Es gibt den schönen Moment darin, der Welt unvoreingenommen zu widersprechen.

Als wir bei anderer Gelegenheit auf Guibert zu sprechen kamen, bewunderte Jason Simon das detaillierte Erinnerungsvermögen in dessen Texten: "Die Photos, auf denen ich Kind bin und die ich bereits mehrfach habe sehen müssen, decken sich nicht mit meiner Erinnerung: trotz ihrer fühlbaren Realität konnten diese Photos keine Erinnerungen zustande bringen, die vor denen liegen, die mein Gedächtnis sehr wohl gespeichert hat."
"In der Tat habe ich keine Lust, mich an diese kleinen Photoszenen zu erinnern: Sie sind nichtsagend und weit weniger heftig als die Erinnerung, mein Körper ist in die Gruppe der Familie wie in einem Laufstall eingeschlossen, er hat keine eigene Geschichte."
"Ich entsinne mich einer kleinen Szene, die mich sehr verblüfft hatte, als ich acht oder neun war. Meine Schwester war zwölf oder dreizehn, und ihre Brust, hoch und fest, war gerade ein bisschen zum Vorschein gekommen. An einem Morgen, sicherlich ein Sonntag, hatte sie sich im Bad eingeschlossen. Und mein Vater stand mit dem Photoapparat in der Hand vor der Tür und wollte hinein. Er machte aus seinem Herzen keine Mördergrube und sagte, daß er die Brust seiner Tochter photographieren wollte, denn die Brust, so meinte er, sei in diesem Alter, wenn sie sich zu bilden anfange, in ihrer vollen Schönheit, und wenn man sie da nicht photographiere, wäre dieser perfekte Zustand für immer verloren - so jedenfalls lautete sein Argument. Zum einen versagte er sich schmerzlich die indirekte Aneignung über das Bild und kämpfte doch gegen diese Eingrenzung, wollte um ein winziges Stück den Moment der Enthaltung, des Verzichts zurückdrängen; zum anderen wollte er seine Vaterrolle überschreiten, um in die des Liebhabers, des gewöhnlichen Voyeurs, zu schlüpfen, denn bestimmt war zwischen Vater und Liebhaber kein besonderer Unterschied im sexuellen Verlangen." (Guibert, L'image fantome, 1981)

Nach beinahe zwanzig Jahren war die Möglichkeit Fotos von ihr zu machen erledigt. Das Vertrauen, das Interesse, die Freundschaft verschwunden. Ich bat sie um ein Treffen, um darüber zu sprechen. Die Bilder waren längst nicht mehr wichtig, aber das was das Verhältnis zerrüttet hatte schon. Sie ist darauf nicht eingegangen. Ganz Sphinx, wie schon immer, hat sie sich ins Ferne entzogen. Nichts ist tragisch daran. Das ist das Gute, es ist der gewöhnliche Übergang.

Es steigt unmittelbar die Welt der dreckigen, dunklen Bahnhöfe auf, wenn ich an den Film "L'homme bless" denke. Ein stinkendes Bahnhofsklo als Fluidum des Entzückens sich ausbreitet. Es waren von heute aus gesehen die letzten Atemzüge vom Geheimnis. Der Protagonist steigt tonlos und willig hinunter, um dort Schrecken und Trost zu finden.
So sind seine Texte: sich Sehnen nach Verführung und Schmerz. Auch wenn die Notwendigkeit das Leben zu ästhetisieren schon immer eine rechte Zumutung ist, bleibt bei Guibert immer ein Misstrauen in sein Motiv mit eingefangen. Sein Reflex zur Tradition, hat kein Bewusstsein für das, was zu überwinden wäre.

Doch vorher, am Anfang, ist es nur dieses kleine Zimmer. Etwas zum Schreiben, ein Fenster, die Sonne draussen. Hinein kommen nur die Geister. Und zwar genau diejenigen, die man gerufen hat.
Später wird er das Zimmer Sakristei nennen. Man muss es sich ja doch einrichten. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl. Besser man weiß gleich, dass diese Dinge sich selbst entscheiden.

Das Thema AIDS hat Guibert in seinen Fotos ausgespart. Er hat darüber ein Video gemacht und beeindruckende Texte geschrieben. Tod, Todessehnsucht, Schönheit, das findet man in seinen Fotografien. Die Krankheit nicht. Es gibt gesetzte Tabus. Und manchmal machen sie auch Sinn. "Wie man schaut entscheidet das Finden."